Norma

Text: Stefanie Gerke

Design: Alexandra Bruns

Publisher: Peperoni Books, 2013


(...) Tatsächlich sind die leeren schwarzen Fensterlöcher das Prägnanteste an diesem Bild. Sie ziehen den Blick in sich hinein, ohne ihm Halt zu bieten. In ihnen wird die Leere des gesamten Bildes exemplifiziert. Die anderen Bilder funktionieren ähnlich. Wie in Haus Nummer 130 fehlen allen Gebäuden, die Roger Eberhard für norma fotografiert hat, die typischen, individuellen Spuren eines gemütlichen Zuhauses, die seine „Aneignung“ durch die Bewohner verraten. In den Häusern der Hasselwerder Straße in Neuenfelde wohnt niemand mehr.


Das liegt, streng genommen, an ihrer geographischen Lage. Die Straße befindet sich nur wenige hundert Meter südlich der neuen Start- und Landebahn des Deutschlandsitzes der Firma Airbus. Im Jahr 2004 veröffentlichte Airbus seine Pläne für den Ausbau des Flugfeldes für das bis dato größte Passagierflugzeug der Welt, den A380. Der Mega-Liner mit seiner Flügelspannweite von 80 Metern und seiner Fluggast-Kapazität von bis zu 800 Passagieren könnte rund ein Fünftel der Bewohner von ganz Neuenfelde gleichzeitig transportieren –  nun sollte er unmittelbar über der Hasselwerder Straße starten und landen. Der Hamburger Senat befürchtete Klagen der Hauseigentümer gegen die Lämbelästigung und beugte ihnen vor, indem er 67 Häuser in der Einflugschneise schlichtweg aufkaufte. Deren Bewohner zogen mit Hab und Gut aus; zurück blieben nur die Häuserhüllen.


Die leeren Hüllen jedoch wirken gepflegt. Mit ihren Gardinen vor leeren Räumen, ihren gestutzten Hecken und gefegten Bürgersteigen sehen sie aus, als würde eine unsichtbare Hand hier jeden Tag nach dem Rechten sehen. Und der Schein trügt nicht. Die unsichtbare Hand gehört dem Hamburger Senat. 

Laut der ›Broken-Windows-Theorie‹, die 1982 von Sozialforschern in empirischen Studien entwickelt wurde, kann schon eine einzige zerbrochene Scheibe den weiteren Verfall eines Hauses und, in der Folge, der gesamten Umgebung nach sich ziehen. Um dem Wegzug der übrigen Dorfbewohner und dem Verfall des Ortes entgegenzuwirken, leitete der Senat umfassende Instandhaltungsmaßnahmen der leeren Häuser ein: ›Existenzsicherung‹ und ›Objektschutz‹ wurden den übrig gebliebenen Bewohnern von Neuenfelde zu wichtigen Schlagwörtern. Sie passieren seitdem die vermeintlich beschaulichen Häuserhüllen, die der Senat im Winter beheizt und deren Rasenflächen er im Sommer mähen lässt, wohl wissend, dass nicht die Nachbarn das Licht an- und ausschalten, sondern eine Zeitschaltuhr. Die Häuser der Hasselwerder Straße sind Bilder geworden – Bilder einer Idealvorstellung, die der Senat aufrecht erhalten möchte; lediglich Abbilder der einst bewohnten Idylle. Die Bewohner des Ortes passieren Bild um Bild, wenn sie die Straße am Deich entlanglaufen, wie die Betrachter von norma, wenn sie durch das Buch blättern.


Mit seiner künstlerischen Forschung in Neuenfelde bebildert Roger Eberhard einen absurden Fall von ›Gouvernementalität‹. Der Philosoph Michel Foucault prägte diesen Begriff in Bezug auf Macht- und Ordnungserhaltungsmaßnahmen, die maßgeblich von Regierungen gesteuert sind: Der Staat belohnt regelkonformes Verhalten, wohingegen er Ausbrüche von der Norm strafrechtlich ahndet. In Neuenfelde zwingt der Senat die verbliebenen Bewohner zum Mitspielen in diesem künstlichen Idealbild, das an die Kulissenwelt der Truman-Show erinnert. Die Regierung gaukelt Harmonie und Normalität vor, um Regelkonformität zu bewahren. Der Titel der Serie, norma, bezieht sich auf den Versuch dieser politisch angeordneten »Normalisierung« – der lateinische Wortstamm bedeutet zugleich Winkelmaß, Regel und Vorschrift. Das Faszinierende an dem Häuserzug ist, dass die Normalisierungsversuche des Hamburger Senats als solche sichtbar und dennoch schwer greifbar sind – und sich vor allem in der distanzierten Atmosphäre ausdrücken. (...)


Stefanie Gerke, 2012

Christophe Guye Galerie, 2012
Christophe Guye Galerie, 2012
Christophe Guye Galerie, 2012